Wer ist Franz Ruppert?

Wer ist Franz Ruppert?

Wer an der KSH studiert, kennt auch Franz Ruppert: Über keinen Professor wird so heftig diskutiert und keiner war uns so oft Vorlage für Memes. Doch manche Themen sind so komplex, dass selbst Memes nicht ausreichen.

Kapitelübersicht

Ein Lebenswerk

Auch, wenn Ruppert zum Sommersemester ’23 nach über 30 Jahren die KSH verlässt, wird man sich hier noch lange an ihn erinnern.

Dabei ist die Hochschule für ihn die kleinere Bühne. Hunderttausende sehen seine Vortragsaufzeichnungen auf Youtube; seine mittlerweile 11 Bücher verkaufen sich gut und werden in 13 Sprachen übersetzt. Wer in seiner Praxis in München eine Psychotherapie beginnen möchte, wartet meist lange – trotz fehlender Kassenzulassung sind die Termine stets ausgebucht. Ruppert bildet jedoch auch andere Therapeut*innen in der von ihm entwickelte Methode aus. Zusätzlich bietet er Seminare und offene Gesprächsgruppen an, nimmt an den verschiedensten Kongressen Teil. Seit kurzem betreibt er sogar einen eigenen Spreadshirt-Shop. Wer seine Fan-Liebe kundtun möchte, kann dies nun unter anderem mit Merchandise mit der Aufschrift Ich will leben, lieben und geliebt werden – so der Titel seines aktuellen Buches. Auf mein Lebenswerk bin ich schon sehr stolz, sagt Ruppert, als er sich am letzten Dienstag bei den neuen Studierenden vorstellt.

In diesem Lebenswerk muss man nicht lange suchen, um auf Kontroversen zu stoßen. Ob Corona, Krebs oder Homosexualität: Rupperts Theorien polarisieren. Doch es wird nicht nur über ihn geredet. Der 64-Jährige gibt auch gerne und oft Interviews und tritt regelmäßig in Podcasts auf. Anfragen kommen hierbei fast ausschließlich von seinen Anhänger*innen. Das erscheint auf den ersten Blick logisch. Warum sollte man jemandem, dessen Ideen man strikt ablehnt, auch noch eine Plattform bieten?

Rupperts Theorien treffen in diesen Unterhaltungen also nur auf Zustimmung: sei es im Gespräch mit der Jungen Basis oder dem Verein Eltern stehen auf, die Rupperts Kritik an der aktuellen Coronapolitik teilen oder mit der Momfluencerin Katharina Popper, die sich nach Rupperts Methode zur Identitätsorientierten Psychotraumatherapeutin hat ausbilden lassen.

Um hier eine differenziertere Meinungsbildung zu ermöglichen, wollten wir Rupperts Person und Theorie kritisch hinterfragen. Hierzu standen wir über mehrere Monate im Mail-Kontakt, ergänzt durch eigene Recherche und den Input von zahlreichen Studierenden, Dozent*innen und anderen Mitgliedern der Hochschule.

Dieser Beitrag ersetzt natürlich nicht die eigene Recherche. Er behandelt einen großen Teil der Thematik und kann so einen groben Überblick geben, anhand dessen ihr euch weiter informieren könnt.

In diesem Zusammenhang möchten wir auch eine Trigger-Warnung aussprechen. Im Verlauf des Gesprächs werden unter anderem folgende Themen angesprochen:

Sexualisierte Gewalt, Psychische Erkrankungen, Psychotherapie, Tod, Schwangerschaftsabbrüche, Homophobie, Misogynie, Verschwörungstheorien, Rechtsextremismus.

Ihr müsst selbst entscheiden, ob und inwieweit ihr euch dem aussetzen wollt. Falls ihr euch dafür entscheidet, kann es auch helfen, im Anschluss gemeinsam mit einer nahestehenden Person über die Inhalte zu sprechen.

Das Interview wurde von beiden Parteien für die Veröffentlichung freigegeben; für unsere Aussagen sind wir jeweils selbst verantwortlich. Das Interview führte Ellen Gansmann (EG).

Ruppert und die KSH: Alle gegen einen?

EG: Was erwartet Studierende, die Ihre Vorlesung besuchen?

Eine in sich schlüssige, fundierte, empirisch gut erprobte Theorie – die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie. Sie bekommen einen Begriff von der menschlichen Psyche, lernen, was ein Psychotrauma ist, bekommen ein Verständnis davon, was Identität im Unterschied zu Identifikation ist, lernen viel über Liebe, Sexualität, Gesundheit und Krankheit, die Täter-Opfer-Dynamik und vieles mehr.

EG: Angeblich bekommt man leicht gute Noten, wenn man nur genug aus Ihren Büchern zitiert.  

Das halte ich für ein Gerücht.

EG: Zu Beginn dachten wir, die Studierenden wären einstimmig gegen Sie. Unsere Recherche hat uns des Besseren belehrt; tatsächlich haben sie unter den Studierenden viele Bewunderer.

Es gibt hier also zwei Lager. Eines, das Ihre Meinung teilt und eine, welche das nicht tut – was immer wieder zu Konflikten unter den Studierenden führt. Wie nehmen Sie das wahr?

Ich höre gelegentlich davon, aber es ist nicht meine Absicht, dass sich Lager bilden. Dass an einer Hochschule fair und sachlich diskutiert wird, schätze ich hingegen sehr.

Schätzen Sie das auch an der KSH?  

Klar!

Im Übrigen habe ich selbst keine „kontroverse Haltung“. Ich bin mit mir selbst mittlerweile ganz gut im Reinen.

EG: Früher haben Sie auch Studierende therapiert – bis es Ihnen verboten wurde. Und dennoch berichten Student*innen regelmäßig, Sie hätten ihnen eine „kostenlose Therapiestunde“ angeboten. Sie verstehen, dass dies übergriffig wirkt? 

Ja, mir ist klar geworden, dass ich meine Tätigkeit als Professor und als Therapeut hier strikt trennen muss.

Wenn ich heute mein Verfahren in den Vorlesungen und Seminaren vorstelle, so ist das exemplarisch und hat mit Therapie nichts zu tun. Das ist das Angebot, zu lernen, wie meine Methode funktioniert. Manche möchten das gerne an sich selbst ausprobieren. Grundsätzlich kann jeder, der sehen will, wie meine Methode funktioniert, gerne zu meinen offenen Veranstaltungen kommen.

EG: Sie haben früher regelmäßig Kurse an der Hochschule angeboten, bei denen es eine Teilnahmegebühr gab. An wen ging das Geld am Ende?

Ich biete seit dem 1.1.2004 keine privaten Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen mehr an der Hochschule an.

Bis dahin hatte ich Hochschulräume dafür angemietet und eine Nutzungsgebühr an die Hochschule bezahlt. Danach haben alle meine Gasthörer eine Einschreibegebühr pro Semester an die Hochschule entrichtet. Ich habe dafür kein Geld bekommen.

EG: Wie würden Sie das Klima innerhalb des Kollegiums beschreiben?

Wir haben an der Hochschule ein sehr gutes kollegiales Verhältnis zueinander.

EG: Gibt es da auch Ausnahmen? 

Es gibt immer Menschen, mit denen kommt man persönlich besser zurecht als mit anderen. Ich wünsche jedenfalls all meinen Kollegen, dass sie beruflich wie persönlich mit ihren Zielen erfolgreich sind.

Bei meiner Einstellung im Jahr 1992 gab es eine gewisse Aufregung, weil einige in der Hochschule wohl lieber eine Frau als Professorin für Psychologie gesehen hätten. Was ich prinzipiell verstehe, weil wir damals vier Männer waren, die das Fach Psychologie hauptamtlich vertreten haben. Heute sind es drei Psychologie-Professorinnen und mich als einzigen männlichen Psychologen. So ändern sich die Zeiten… Ich bin gespannt, ob mein Nachfolger männlich oder weiblich sein wird.

EG: Sie gehen nächstes Jahr in Rente. Was denken Sie, wie dieHochschulmitglieder darauf reagieren werden? 

Darüber mache ich mir keine Gedanken.

Die nächsten drei Fragen sind hochinteressant. Hierzu kursiert nämlich unglaublich viel Hörensagen, teils von Student*innen, aber auch teilweise von anderen Dozierenden.

Wir fragen also sehr direkt: Hatte die Hochschule jemals Grund zur Annahme, er hätte gegen seine Dienstpflichten verstoßen? Gab es vonseiten der Hochschule je Versuche, ihn aus seinem Dienstverhältnis zu entlassen?

Und dann ein sehr konkreter Fall, von dem uns ein Dozent der KSH erzählt: Gegen Ruppert liege eine einstweilige Verfügung vor. Eine seiner Anhänger*innen sei bei einer Auseinandersetzung mit einer Dozentin der KSH handgreiflich geworden.

Wir hatten diesbezüglich auch die Hochschule angeschrieben. Frau Schaufler antwortet uns persönlich: Man schätze unser Engagement, könne uns jedoch keine Auskunft geben. Bei den angefragten Informationen handle es sich um dienstliche bzw. dienstrechtliche Vorgänge, welche dem Datenschutz und der Verschwiegenheitspflicht unterliegen. Hätten wir uns denken können – trotzdem Schade. Wir können also nur Ruppert selbst fragen. Ruppert verneint alles; es handle sich um Spekulationen.

Der einzige „Beweis“ dafür, dass Ruppert und die KSH im Clinch sind, ist eine offizielle Stellungnahme der Hochschule.

Positionierung der Hochschulleitung und Erweiterten Hochschulleitung der KSH München

Herr Prof. Dr. Franz Ruppert äußerte sich in jüngster Zeit öffentlich unter anderem in einer Grußbotschaft an Demonstrierende und in weiteren Veröffentlichungen und Vorträgen zur aktuellen Corona-Krise.
Da Herr Prof. Dr. Ruppert auch als Hochschullehrer der Katholischen Stiftungshochschule München tätig ist, sehen wir uns zu nachfolgender Positionierung veranlasst:

Die Hochschulleitung der KSH München achtet das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung sowie das Grundrecht der Freiheit von Forschung und Lehre im Sinne des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland. Sie distanziert sich jedoch dezidiert von den Behauptungen oder Stellungnahmen von Herrn Prof. Dr. Franz Ruppert, die er unter anderem im Sinne eines persönlichen Erkenntnisprozesses zur Corona-Pandemie formuliert.

Als Hochschule setzen wir uns wissenschaftsbasiert mit den Herausforderungen unserer Zeit auseinander. Dies gilt auch für die Interventionen zur Eindämmung des Infektionsrisikos mit dem neuartigen Coronavirus. (…)

Derzeit bewegen uns alle die Herausforderungen, die mit der Coronakrise einhergehen. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, die auch in einem erheblichen Maße die Hochschule und das hochschulische Leben betreffen, erfahren seitens der Hochschulleitung vollumfängliche Unterstützung.

München, den 04.11.2020
Präsident Prof. Dr. Hermann Sollfrank
Die Mitglieder der Hochschulleitung
Die Mitglieder der Erweiterten Hochschulleitung

T&T: Traumatheorien als Zündstoff

Ruppert hat das Phänomen Trauma nicht entdeckt. Bei seiner Theoriefindung hätten ihn unter anderem die Psychoanalyse nach Freud, aber auch diverse Werke der Traumaliteratur wie die von Levine und Fischer/Riedesser inspiriert.

Und doch hat er es geschafft, dass sein Name für immer mit dem Begriff Trauma assoziiert werden wird – wenn auch nicht im positiven Sinne. Wenn über Rupperts IoPT (Identitätsorientierte Psychotraumatheorie) gesprochen wird, kommt sie dabei meist nicht besonders gut weg. Ihm wird vorgeworfen, aufgrund fehlender wissenschaftlicher Belege für die von ihm aufgestellten Thesen die grundlegenden Anforderungen wissenschaftlicher Lehre und Forschung nicht zu erfüllen.

EG: Wie positionieren Sie sich hierzu?

Ich habe in den nunmehr 30 Jahren, seit ich an der KSH München bin, elf Bücher veröffentlicht – so viele wie wohl kaum jemand sonst an dieser Hochschule.

Alle meine Bücher sind aus der Empirie heraus entstanden, also aus der konkreten Therapie- und Beratungsarbeit mit Tausenden von Menschen weltweit. Mein wissenschaftlicher Ansatz ist die Kasuistik. Jede Fallarbeit mit einem Menschen ist für mich ein Stück Empirie, die ich dann nach wissenschaftlichen Kriterien weiterverarbeite: Welche Hypothesen habe ich zu Beginn? Welche Annahmen bestätigen sich durch die Fallarbeit, welche werden falsifiziert?

EG: Widerspricht das aber nicht den Grundsätzen von Empirie? Können Ihrer Ansicht nach aufgrund einzelner Fallbeispiele Aussagen über die Allgemeinheit getroffen werden?

Ja, die Empirie, gerade wenn es sich um die Forschung über uns Menschen als Subjekte handelt, muss vom Einzelfall ausgehend allgemeine Erkenntnisse liefern können. Was nutzen uns Statistiken, wenn der Mensch darin gar nicht mehr wiederzukennen ist? Das Allgemeine ist nur wahr, wenn es für das Spezifische = den einzelnen Menschen auch zutrifft.

Ich „studiere“ manche Fälle über viele Jahre, mit anderen bin ich teilweise nur eine Therapieeinheit im Kontakt. Ich habe es nicht genau gezählt, aber in den letzten 30 Jahren habe ich sicherlich 10.000 Fallstudien gemacht mit Menschen aus allen Kontinenten im Alter zwischen 12 und 85 Jahren.

So hat sich meine Theorie ebenso weiterentwickelt wie die von mir angewandte Methode, welche sich vom sog. Familienstellen hin zu den Traumaaufstellungen und schließlich zur Anliegenmethode verändert hat.

Mein Vorgehen ist transparent und kann einmal im Monat in einer offenen Veranstaltung miterlebt und unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten diskutiert werden. Dazu ist jeder herzlich eingeladen.

Gibt es bei Ihrer Arbeit einen Peer-Review-Prozess? Oder reicht es, wenn andere einmal im Monat mitdiskutieren dürfen? 

Ich mache auch Seminare mit Kolleginnen und Kollegen, die mit meiner Theorie und Methode arbeiten. Da diskutieren wir alle wesentlichen Aspekte und entwickeln uns dabei gemeinsam weiter. Wie sollte jemand sinnvoll mitdiskutieren, der meine Methode weder kennt noch an sich selbst ausprobiert hat?

Ich sehe hier die Gefahr einer Echo-Kammer, wenn Sie sich lediglich mit Gleichgesinnten austauschen. Fehlt hier nicht der Input von außerhalb?

Sie können jederzeit in meine Veranstaltungen kommen und mir im konkreten Fall Input geben.

Es sind auch zahlreiche Bachelorarbeiten auf der Grundlage meiner Theorie im Studiengang Soziale Arbeit und in der Kindheitspädagogik angefertigt worden. Derzeit betreue ich eine Masterarbeit, die sich mit Validität und Reliabilität meiner Anliegenmethode befasst.

Und es gibt eine Kontroll-Gruppenstudie von Dr. Maria Macarenco, welche die Effektivität der IoPT und der Anliegenmethode in Bezug auf die sog. Hashimoto-Erkrankung belegt.

EG: Ich habe mir diese Studie einmal angesehen. 

Bei der Hashimoto-Krankheit (benannt nach ihrem Entdecker Hakaru Hashimoto) handelt es sich kurzgesagt um eine Form der Schilddrüsenunterfunktion. Die Schilddrüse produziert mitunter die Hormone T3 und T4. Diese Hormone haben wichtige Funktionen: sie beeinflussen unter anderem das Nervensystem, die Temperaturregelung, die Muskulatur und letztendlich unseren gesamten Stoffwechsel und Energieverbrauch.  

Bei der Hashimoto-Thyreoiditis ist die Schilddrüse infolge einer Auto-Immun-Reaktion chronisch entzündet – und produziert nicht mehr ausreichend Hormone. Beschwerden wie eine erhöhte Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Gewichtszunahme, aber auch affektive Störungen wie Depressionen und Angststörungen treten hier meist gebündelt auf. Wird die Erkrankung nicht behandelt, kommt es auch zu langfristigen Komplikationen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Krampfanfällen und vorübergehender Bewusstlosigkeit.

Abbildung 1: Vergleich einer normalgroßen Schilddrüse (links) mit einer bereit stark entzündeten (rechts), © Cleveland Clinic.

Abbildung 2: Die angeschwollene Schilddrüse ist von außen als Wölbung zu erkennen. © Sachiko Minamiguchi.

Für die Hashimoto-Erkrankung gibt es keine „Heilung“ im engeren Sinne. Betroffene nehmen hier meist das künstlich hergestellte Schilddrüsenhormon Levothyroxin (L-Thyroxin) ein, wodurch die Beschwerden in der Regel vollständig verschwinden. Wird die medikamentöse Behandlung regelmäßig überprüft und gegebenenfalls angepasst, treten Nebenwirkungen praktisch nicht auf. Um ihre Lebensqualität zusätzlich zu verbessern und um Folgeerkrankungen zu vermeiden, sollten Betroffene zudem auf eine gesunde, jod-arme Ernährung, ausreichend Bewegung und ein gutes Stressmanagement bedacht sein.

Auf diesen konventionellen Ansatz geht Frau Macarenco nicht ein. Die Studie untersucht stattdessen die Wirkung Ihrer Therapie und speziell Ihrer Anliegen-Methode. Die Hypothese: Ihre Behandlung hat positive Effekte auf Körper und Psyche. Es handelt sich um eine klassisch angelegte Studie. Die Teilnehmenden nahmen während der Behandlung weder Psychopharmaka ein noch befanden Sie sich zusätzlich in psychotherapeutischer Behandlung.  

Insgesamt wurden 12 Zielparameter festgelegt, die im Verlauf der Studie überprüft werden sollten. Und tatsächlich: auf den Skalen sind im Verlauf der Studie gegenüber der Kontrollgruppe (WL) positive Effekte sichtbar.

Die folgenden zwei Abbildungen zeigen beispielsweise die Entwicklung der Zielparameter Anti-Thyreoperoxidase (die Antikörper, welche die Schilddrüse an der Arbeit hindern) sowie von der Ausprägung von Angststörungen bei IOPT-Teilnehmer*innen und der Kontrollgruppe (WL).

Die Skalen zeigen hier einen Vergleich der Mittelwerte. Dieser suggeriert eine Wirkung bei allen. Über die Verteilung der Werte ist nichts bekannt; es kann also sein, dass es bei einzelnen Teilnehmer*innen sehr große und bei anderen wiederum sehr kleine Effekte gab.  

Bei vielen Verfahren sind Effekte sichtbar. Fast immer, wenn Menschen behandelt werden – hierbei wirkt nicht nur der Placebo-Effekt, sondern auch die Tatsache, dass Menschen während der Therapie hohe Zuwendung bekommen, sich gesehen fühlen. Es verändern sich biochemische Prozesse im Körper. Unklar bleibt, was genau die die Veränderungen auslöst.  

Fairerweise muss man sagen, dass dieses Problem alle Studien zur Wirksamkeit von Therapien haben. In Frau Macarencos Studie wird jedoch aufgrund von Messungen angenommen, dass genau Ihre IoPT den Unterschied macht.  

Bevor ich mir Studie angesehen habe, konnte ich lediglich Ihren Theorie-Ansatz kritisieren. Nun kritisiere ich auch, wie er in der Praxis angewendet wird und welche Schlüsse daraus gezogen werden.  

Ich schlage vor, Sie diskutieren Ihre Anmerkungen zu dieser Studie direkt mit Frau Dr. Macarenco. Ich gebe Ihnen gerne ihre Telefonnummer.

EG: Sie nehmen direkten Bezug auf Frau Macarencos Forschung. Wir sind beide keine Mediziner, können uns aber wissenschaftlich über die Studie unterhalten. Oder nicht?

Ich habe einmal mit einer Frau gearbeitet, die Schilddrüsen-Unterfunktion hatte. Da die Schilddrüse unser Aktivitätsniveau reguliert, bedeutet dies, sie hatte ein sehr niedriges Aktivitätsniveau. So passte sie zu ihrer Mutter, die es nicht ertragen konnte, dass sie ein lebhaftes Kind war. Durch diese Selbstunterdrückung konnte sie die Nähe zu ihrer Mutter halten und die Mutter hielt dieses Kind aus. Für mich persönlich sind Einzelfallstudien immer am aussagekräftigsten.

EG: Weshalb zitieren Sie zuerst Frau Macerencos Studie, verweisen dann aber auf eine Einzelfallstudie und sagen, dass diese für Sie aussagekräftiger ist?

Oder entscheiden sie spontan – je nachdem, welche Studie Ihnen Recht gibt?

Bei der Forschung geht es mir nicht um das Recht haben, sondern um offene Fragen. Nur dann macht Forschung für mich Sinn.

Aber eignet sich seine Theorie für die Dinge, die er untersucht? Wieso leugnet er die Existenz von Krebs, Diabetes und ADHS, obwohl hierüber ein eindeutiger medizinwissenschaftlicher Konsens besteht?

Ich leugne solche Phänomene nicht, ich erkläre sie nur anders als der wissenschaftliche Mainstream, der weder die Bedeutung der frühkindlichen Bindungsprozesse versteht noch das Thema Trauma ausreichend berücksichtigt sowie keine klare Vorstellung von menschlicher Identität hat und daher meist Identität mit Identifikation verwechselt.

EG: Wir sprechen von gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen – auch, wenn die Medizin nicht immer unparteiisch ist. Was stört Sie an den Erklärungen, welche die Medizin speziell für ADHS, Krebs und Diabetes hat? Und was haben Karzinome mit Trauma zu tun?

Als „Schulmedizin“ wird gewöhnlich eine Vorgehensweise bezeichnet, bei dem es um Symptombehandlung geht, ein starkes Hierarchiegefälle zwischen Arzt und „Patient“ besteht und die Behandlung überwiegend auf Medikamente, Operationen, Bestrahlungen und ähnlichem beruht. Diese Schulmedizin ist auch stark ökonomisiert, d.h. es geht um Gewinne und Profite seitens der Ärzteschaft, der Kliniken, der Pharma- und der Medizintechnik-Industrie.

Viele Ärzte werden von der Industrie gesponsort oder sogar bestochen. Es herrscht hier ein starker Lobbyismus, der bis in die staatlichen Ministerien hineinreicht und damit auch die Lehrpläne eines Medizinstudiums bestimmt.

Deshalb werden von der Schulmedizin auch ganzheitliche Ansätze, welche die strikte Trennung zwischen Körper und Psyche überwinden wollen, bekämpft und als vermeintlich „unwissenschaftlich“ diskreditiert. Für ADHS z.B. soll nur eine medikamentöse Behandlung mit z.B. „Ritalin“ als Standardbehandlung gelten. Auch bei sogenannten „Psychischen Erkrankungen“ gelten Psychopharmaka als Standard.

Ich habe zahlreiche Menschen mit Diagnosen wie Angststörungen, Depressionen oder „Psychosen“ therapeutisch begleitet, die ohne Medikamente gesund geworden sind bzw. die dann ihre Medikamente weggelassen haben. Auch Menschen mit verschiedenen Krebsdiagnosen habe ich therapeutisch begleitet und ihr „Krebs“ ist dann verschwunden. Sie können in meinem Buch „Mein Körper, mein Trauma, mein Ich“ zahlreiche solcher Fallbeispiele finden. Kennen Sie dieses Buch schon?

EG: Dass Menschen ohne Medikamente gesund werden, ist mit mehreren Behandlungsmethoden möglich. Bei Krebs gibt es immer wieder Spontanheilungen; dass eine Psychotherapie hierfür ausschlaggebend sein kann, ist empirisch auf sehr schwachen Beinen. Meist ist auch unklar, warum wer auf welche Behandlung anspricht. Was macht ihre Methode besonders? 

Sie ist so gut es möglich ist ursachenorientiert, nimmt den betroffenen Menschen als Subjekt ernst und fördert seine gesunde Identitätsentwicklung. Sie stellt sich nicht über ihn.

Aus meiner Sicht beginnt Wissenschaft damit, solide Grundbegriffe für Phänomene zu finden, auf deren Grundlage dann empirische Forschungen gemacht werden können. Wenn aber bereits die Grundbegriffe teilweise inhaltsleere, vieldeutige und merkwürdige Wortschöpfungen wie zum Beispiel „Krebs“, „Diabetes“, „ADHS“, „Psychose“, „Schizophrenie“, „Borderline“ oder „Narzissmus“ sind, dann macht es auch keinen Sinn, auf dieser Grundlage empirische Untersuchungen zu machen. Da kann nichts Gescheites dabei herauskommen. Ausgangspunkt jeder Forschung müssen klar definierte Begriffe sein.

Noch ein grundsätzlicher Gedanke von mir: In einem kranken Umfeld wird man krank gemacht. Für mich ist die Schulmedizin Teil eines kranken Systems, bei dem es vor allem um Geld und Macht geht und nicht das Wohl von uns Menschen. Das zeigt sich gerade in der Corona-Zeit für mich in aller Deutlichkeit.

Ruppert habe seine Ausbildung zum staatlich anerkannten Psychotherapeuten bei der Münchner Akademie für Psychoanalyse sowie dem Psychosomatischen Institut der Klinik Bad Grönenbach absolviert. Sein Therapieansatz ist jedoch wissenschaftlich nicht anerkannt.

Warum nicht?

Die Krankenkassen stehen gerade auch in Deutschland unter dem Einfluss der Ärztelobby, welche der Psychotherapie nur unter sehr engen Bedingungen Zugang zu den Geldern der Krankenversicherungen verschaffen möchte. Es wurden hohe Hürden aufgebaut, sodass außer der Verhaltenstherapie, der Psychoanalyse und nun teilweise auch der Systemischen Therapie kaum andere Ansätze von den Kassenbeiträgen bezahlt werden.

Das waren über ein halbes Jahrhundert lang heftige Auseinandersetzungen. Wer hier zusätzlich eine neue psychotherapeutische Schule innerhalb des Systems etablieren möchte, hat keine Chance. 

EG: Viele kompetente Psychotherapeut*innen scheitern in Deutschland an diesen Hürden, was drastische Auswirkungen für Hilfesuchende hat. Daran besteht kein Zweifel.

Eine Auswertung der BPtK (Bundespsychotherapeutenkammer) von über 300.000 Versichertendaten zeigt, wie lange Betroffene nach einem Erstgespräch im Schnitt auf einen Therapieplatz warten. Lediglich 18,6% erhalten in den ersten drei Monaten Hilfe. Beinahe ein Fünftel wartet sechs bis neun Monate auf den Beginn ihrer Behandlung, während mehr als ein Fünftel sogar mit Wartezeiten von 9 bis 15 Monaten rechnen muss.

Dennoch: Nicht anerkannte Therapien bergen ein hohes Risiko. Immerhin sind die wissenschaftliche Überprüfung und auch die regelmäßige externe Evaluation Grundpfeiler professionellen therapeutischen Arbeitens. Indem Sie Ihr Verfahren an Patient*innen anwenden, untergraben Sie die Kompetenz zuständiger Gutachtergremien – wie den Wissenschaftlichen Beirat für Psychotherapie. Trauen Sie diesen Gremien generell nicht?  

Ich weiß um die Gefahr, dass in Psychotherapien Menschen retraumatisiert werden können. Der beste Schutz der „Patientinnen“, von ihren Therapeuten nicht traumatisiert zu werden, ist die kontinuierliche Arbeit der Therapeuten an ihren eigenen Themen. Daher habe ich meine Anliegenmethode so entwickelt, dass dieses Risiko auf ein Minimum zu reduziert wird.

EG: Sind Sie hier also Ihr eigener Gutachter? Das wirkt auf mich sehr zirkulär.  

Ich bin hier kein Gutachter, sondern ein Forscher, der seine eigene Theorie und Methode beständig verbessert. Auch innerhalb der traditionellen Psychotherapie ist das Gutachterverfahren nicht unumstritten.

Wie soll ein Gremium, das in einem pathologischen, symptomorientierten und verhaltenspsychologischen Denken gefangen ist, sinnvolle Einschätzungen über einen ursachenorientierten Ansatz machen, der sich an der Entwicklung einer gesunden Identität eines Menschen ausrichtet

EG: Man könnte auch Ihnen vorwerfen, in Ihrem Denken gefangen zu sein.

Wer ist das nicht?

EG: Immerhin sind wir uns da einig.

Es wäre jetzt spannend, wenn wir uns gegenseitig erzählen würden, welche Irrtümer in unserem Denken wir in unserem Leben bereits korrigieren konnten. 

EG: Das klingt gut. Sie können gerne eine kostenlose Therapiestunde bei Ellen Gansmann besuchen. Rein exemplarisch natürlich. 

Gerne. Wenn Sie mir zuvor sagen, welche Methode Sie anwenden?

EG: Da bin ich überfragt. Die Krankenkasse übernimmt es jedenfalls nicht; sie müssten also ab der zweiten Stunde selbst zahlen. 

Wenn Ihre Theorie und Methode mich überzeugen würde, wäre das mit der Bezahlung kein Problem. Aber wenn Sie Ihre Vorgehensweise selbst nicht kennen, nehme ich lieber Abstand von Ihrem Angebot.

Wenn Ruppert über sich und seine Theorie spricht, geht er offen mit eigenen traumatischen Erfahrungen um. In Mein Beruf als Trauma-Überlebensstrategie und Weg zu mir selbst gibt er einen Einblick in seine frühe Kindheit und Jugend:

Ich bin 1957 in einem kleinen bayerischen Weiler geboren. (…) Meine Mutter hatte mir immer gedroht, wenn du nicht lernen willst, dann musst du wie dein Vater in den Steinbruch gehen. (…) Das war für meinen Vater, der wegen der Kriegswirren nur die Hauptschule besucht und keine Lehre gemacht hatte, die Arbeitsalternative (…). Nachdem ich ihn zum ersten Mal in Augenschein genommen hatte, war der Steinbruch für mich ein Ort des Schreckens, abgrundtief und lebensgefährlich. Dort zu arbeiten bedeutete, tonnenschweren Steinquadern, Sprengpulver, windschiefen Holzkränen, Wind und Wetter ausgesetzt zu sein. Ich war ohnehin ein sehr ängstliches Kind und betete danach jeden Tag noch intensiver, dass mein Vater abends heil nach Hause kommen möge.

Der Tod des Vaters und Familienernährers – das war die Horrorvision, die auf Seiten meiner Mutter bereits bittere Wahrheit geworden war. Ihr Vater war bei der Waldarbeit durch einen herabfallenden Ast (…) erschlagen worden, als meine Mutter gerade einmal 18 Jahre alt war. Zudem musste sie noch den zerschundenen Leichnam ihres Vaters zusammen mit ihren Schwestern waschen und für die Beerdigung herrichten. Ein Trauma, von dem sie sich zeitlebens nie erholte. Da dieser Unfall am 23. Dezember geschehen war, wurde jedes Weihnachten bei uns zu Hause zu einer Tragödie. Erwartungsgemäß rannte meine Mutter mitten im schönsten weihnachtlichen Geschehen aus dem Wohnzimmer und sperrte sich für
Stunden in einem kleinen Zimmer ein.

Das war für mich als Kind der reine Horror. Von Trauma und Retraumatisierung durch Triggerreize hatte ich zu diesem Zeitpunkt ja keinerlei Ahnung.

Bild 1: Familienportrait: Ruppert (hinten, mitte) mit seinen Eltern und den vier jüngeren Geschwistern. © NN

Bild 2: Ruppert mit seiner Mutter, wenige Tage nach der Geburt. ©NN

Die psychische Verfassung seiner Mutter habe Ruppert zeitlebens beschäftigt; in seinen Vierzigern sei er dann selbst an einer Depression erkrankt.

EG: Haben Sie sich damals in Therapie begeben?

Ich wende meine Methode für mich an und mache jeden Monat in meiner offenen Männergruppe eine Selbstbegegnung. Mir tut das sehr gut.

Ich hatte davor Familienaufstellungen gemacht, die aus meiner Sicht diese depressive Stimmung in mir ausgelöst haben. Ich habe nicht davon gesprochen, dass ich „erkrankt“ bin. Das Konzept der „Krankheit“ ist für mich für psychische Auffälligkeiten nicht stimmig.

Als ich in meinem Studium die Psychoanalytiker und die Verhaltenspsychologen erlebt habe, habe ich ihnen nicht vertraut. Das einzige, was ich einmal als hilfreich erlebt habe, war die nondirektive Gesprächstherapie nach Carl Rogers.

EG: Sie schreiben auch, Ihre Vergangenheit habe Sie in Ihrer Berufswahl maßgeblich beeinflusst.

Nur mal angenommen, Ihre Kindheit wäre weitgehend unproblematisch verlaufen: Wären Sie dann trotzdem Psychotherapeut?  

Ich kann nur im Nachhinein sagen, dass dies der richtige berufliche Weg für mich war. Ursprünglich wollte ich auch einmal Journalist werden. Vielleicht bin ich das nun auch durch das Schreiben nicht nur von Büchern, sondern auch manchen Artikeln zum Zeitgeschehen.

Corona & Co.: Über Recht haben und Rechts sein

EG: Die KSH distanzierte sich öffentlich von Ihren Aussagen zur Corona-Pandemie. Wie hat das Ihren Alltag an der Hochschule beeinflusst? Und wieso lehren Sie dennoch an einer Hochschule, deren Werte Sie nicht vertreten? 

Ist Corona eine Frage von „Werten“? Ich dachte, das hat mit Gesundheit und Krankheit zu tun? Und damit mit Wissenschaft und wissenschaftlicher Evidenz?

EG: „Werte“ ist hier der falsche Begriff, da haben Sie Recht. Ich frage anders: Wieso lehren Sie dennoch an einer Hochschule, deren Auffassung von Wissenschaft Sie in diesem Bereich nicht vertreten?

Als ich 1992 meine Professur an der KSH angetreten bin, war von „Corona“ noch nicht die Rede. 

EG: Und doch sind Sie geblieben. Aus Bequemlichkeit oder aus Prinzip? 

Weil ich gerne Hochschullehrer bin und mich im Recht sehe mit meinen Ansichten, die ich schon im März 2020 geäußert habe.

EG: Waren sie vor Corona politisch aktiv? Und wo sehen sich heute mit Ihren Ansichten innerhalb des politischen Spektrums?

Ich war schon Parteimitglied in der SPD und habe mich einmal im Wahlkampf für die Grünen engagiert und Plakate geklebt.

Ich sehe mich als Vertreter der Einhaltung des Deutschen Grundgesetzes, der wirklichen Gewaltenteilung zwischen Legislative, Judikative, Exekutive und Pressewesen. Ich bin mittlerweile Mitglied in der BASIS-Partei, weil ich die Entwicklung der Basisdemokratie [eine Form der direkten Demokratie] befürworte.

Ich bin für eine freie Wissenschaft, die z.B. nicht über Drittmittelforschungen von der Pharma-, Agrar-, Lebensmittel-, Rüstungs- oder IT-Industrie gekauft wird.

Zu einer wirklich freien Wissenschaft gehört es auch dazu, dass der Wissenschaftler selbst transparent in seiner Person ist. Deshalb mache ich in meinen Publikationen auch Aussagen über meine eigene Lebens- und Traumabiographie. Gerade in den helfenden Berufen haben wir das Phänomen, dass Menschen anderen Menschen helfen wollen, aber die eigene psychische Not nicht sehen.

EG: Aufgrund Ihrer Aussagen zur Corona-Pandemie und deren Verbreitung auf Kanälen wie Rubikon oder KenFM wird Ihnen eine Nähe zur verschwörungsideologisch und rechtspopulistisch gefärbten Szene vorgeworfen.

Dass jeder – und das gilt weltweit -, der sich kritisch gegenüber dem Corona-Narrativ äußert, als „rechts“ und „Verschwörer“ diffamiert wird, gehört zu diesem Narrativ dazu.

Anscheinend haben die Vertreter dieses Narratives keine inhaltlichen Argumente, um es wissenschaftlich zu beweisen. Daher muss Kritik mit Gewalt und Zensur unterdrückt werden oder es wird versucht, die Kritiker aus dem sozialen Diskurs auszuschließen. Cancel Culture nennt man das heute.

EG: Sie können trotz Ihrer politischen Einstellung und Ihrer kontroversen Aussagen an einer staatlich anerkannten Hochschule lehren sowie Ihre Thesen im Internet mit einer großen Zuhörer*innenschaft teilen. Ihre Aussagen werden lediglich kommentiert und kritisiert und auch nur dann gelöscht oder zensiert, wenn sie gegen geltende Gesetze verstoßen.

Gleichzeitig können Maßnahmenkritiker*innen durchaus den Rechtsweg wählen, um gegen Maßnahmen vorzugehen, wie es zuletzt [im März 2022] bei der 2G-Pflicht im bayerischen Einzelhandel geschehen ist.

Es findet also ein offener sozialer und politischer Diskurs statt und es besteht (wie auch vor der Pandemie) die Möglichkeit, Legislative, Exekutive und Judikative zur Umsetzung der Rechtsstaatlichkeit zu aktivieren. Manche gehen so weit zu sagen, der Diskurs um die Cancel Culture wäre lediglich „unfreiwillige Gratiswerbung“ für die Vertreter kontroverser Haltungen, da diese hierdurch nur noch mehr Präsenz gewinnen.

Wie sehen Sie sich also davon betroffen?

Mein Wikipedia-Eintrag, auf den Sie sich offenbar auch beziehen, wurde zu Beginn der Pandemie so umgeschrieben, dass ich ihn als böswillige Verleumdung meiner Person erlebe. 

Zum besseren Verständnis: Einige Thesen, die wir zu Beginn aufgriffen, stammten tatsächlich aus seinem Wikipedia-Artikel. Im Abschnitt Das habe ich nie gesagt gehen wir genauer darauf ein.

EG: Nun gibt es ja nicht nur Ihren Wikipedia-Eintrag – der wird mir im Übrigen bei der Google-Suche als zweites angezeigt, nach Ihrer eigenen Website.

Ich denke nicht, dass sie vor der Pandemie weniger kritisiert wurden. Ich habe jedoch zwei Veränderungen festgestellt:  

1. Sie bekommen seit der Pandemie mehr Aufmerksamkeit.  

2. Diese Aufmerksamkeit verschiebt sich in Bereiche, in denen Ihre Ideen fast ausschließlich auf Zustimmung treffen – zum einen, weil Sie sich selbst in diese Bereiche begeben (Rubikon, die Basis, gleichgesinnte Wissenschaftler*innen, etc.), aber auch, weil Sie von anderen aus öffentlichen Diskursen aufgeschlossen werden – und sei es nur, dass sie nicht zu Diskussionen eingeladen werden, weil man Ihnen keine Plattform geben möchte. Vor allem diesen Punkt sehe ich kritisch.   

Ja, es findet in unser Gesellschaft leider keine offene Diskussion mehr statt. Es haben sich Lager gebildet, die nicht miteinander sondern übereinander reden. Das schürt das Freund-Feind-Denken. Das ist eine gefährliche Entwicklung.

Ich bin jedenfalls gesprächsbereit, wenn jemand etwas von mir wissen will.

© ksh_memes_official

EG: Die Basis-Partei wird von Expert*innen wie der Sozialwissenschaftlerin Claudia Barth als „mindestens rechtsoffen“ eingestuft. Der Mediziner und ehemalige Bundestagskandidat der Basispartei Sucharit Bhakdi fiel beispielsweise in der Vergangenheit aufgrund antisemitischer Aussagen auf. Auch andere Mitglieder stechen negativ heraus; sie verglichen wie Dirk Sattelmeier die Maskentragepflicht mit der Diskriminierung der Juden, prophezeiten wie Reiner Fuellmich „eine Art KZ“ für Ungeimpfte oder unterstellen der Bundesregierung eine „organisierte Massentötung“ durch den Impfstoff (ebenfalls Fuellmich).

Hierin ist also vermutlich der Vorwurf begründet, Sie würden sich seit Beginn der Pandemie der rechten Szene annähern. Denn auch Sie setzten beispielsweise die Corona-Maßnahmen mit der Schutzhaft durch SS, SA und Gestapo gleich, in welcher Systemfeinde ohne rechtliche Grundlage inhaftiert, misshandelt und ermordet wurden. Man könnte auch Ihnen vorwerfen, die Verbrechen der Nazis bewusst zu verharmlosen, um das Vertrauen der Gesellschaft in die deutsche Rechtssicherheit zu gefährden. Einige Follower*innen sprechen gar vom Tatbestand der Volksverhetzung.

Wie begründen Sie Ihren eigenen Vergleich [die Schutzhaft] und finden Sie ihn rückblickend noch angebracht?

Der Angriff auf die Grundrechte der Bevölkerung ist in Deutschland mittlerweile so massiv, dass selbst das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit nicht mehr respektiert wird. Ich sehe mit großer Sorge, dass die Opfer solcher aktuellen Gewaltmaßnahmen als die eigentlichen Täter dargestellt werden.

In der Trauma-Theorie nennen wir das die Täter-Opfer-Umkehr – was, wenn das ein größerer Anteil der Bevölkerung so macht, der Ausdruck von kollektivem Wahnsinn ist.

EG: Sie sprechen von körperlicher Unversehrtheit. Ich nehme an, dass Sie auf die Impfung anspielen.  

Man kann schlüssig argumentieren – wie es Wissenschaftler*innen seit mittlerweile anderthalb Jahren tun – dass die Wahrscheinlichkeit, aufgrund einer Covid-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, deutlich höher ist als die, bleibende Schäden von der Impfung zu tragen.

Und daraus ableiten: Die körperliche Unversehrtheit kann nur gewährleistet werden, wenn sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Was sie beschreiben – Ungeimpfte würden derzeit Gewaltmaßnahmen ausgesetzt – trifft für mich eher die Beschreibung einer Täter-Opfer-Umkehr.  

Nun habe ich natürlich einige Ihrer Veröffentlichungen zur Corona-Pandemie gelesen. Ihre Argumentation macht Sinn, wenn man – wie Sie – davon ausgeht, dass Covid-19 im Prinzip ungefährlich ist. Und wenn man an den Verschwörungsmythos glaubt, Bill Gates würde sich an der Impfung bereichern.  

Wir argumentieren hier also auf keiner gemeinsamen Basis.

Die letzten beiden Jahre habe für mich deutlich gezeigt: Das Einzige, was bei Atemwegserkrankungen wirklich hilft und schützt, ist unser Immunsystem, das auf vielfältige Weise gestärkt werden kann und das in den allermeisten Fällen (99,9%) auch in der Lage ist, mit Coronaviren umzugehen.

Hingegen sind all die Maßnahmen – Lockdown, Panikmache, Masken, Abstand halten, gentechnische Injektionen mit völlig unerforschten Inhalten – ein Totalangriff auf das Immunsystem von uns Menschen. Diese Maßnahmen machen Menschen psychisch wie physisch krank. An einem gesunden Immunsystem verdient aber unser krankes System nichts. Daher erklärt dieses System uns alle für krank, um uns dann diese sinnlosen Injektionen aufzuzwingen.

Es ist für mich an Perversion nicht zu überbieten: Jemand setzt ein Pathogen in die Welt, erfindet damit eine neue Krankheit, hat schon vermeintliche oder tatsächliche Gegenmittel in der Hinterhand, die er sich auch schon patentiert hat lassen und sich teuer bezahlen lässt, und stellt sich dann als Retter der Menschheit dar.

So geht eine Plandemie und seitens der WHO ist daran gedacht, dieses zynische Spiel auch in Zukunft weiter zu betreiben.

Stimmen Sie der Meinung einiger Expert*innen zu, die Basispartei sei zumindest offen für rechte Positionen und verschwörungsideologisches Gedankengut?

Nein – zudem stellt sich die Frage, aus welcher Gesinnung heraus die von Ihnen zitierten Expertinnen argumentieren.

EG: Spielt die Gesinnung eine Rolle, wenn unabhängig davon eindeutige Indizien vorliegen? Sie sagen selbst, dass Sie mit Ihren Aussagen nicht in die rechte Schublade gesteckt werden möchten.  

Dieses geistlose, rechthaberische, geifernde, teilweise richtig bösartige rechts-links-sonstwas-Denken ist für mich zu primitiv, als dass ich mich damit weiter beschäftigen möchte. Ich denke nicht in solchen Kategorien, stecke andere Menschen da nicht hinein und will auch nicht in eine solche Schublade gesteckt werden.

Ich halte das persönlich für Zeitverschwendung. Wer meine Identitätstheorie kennt, weiß auch, dass diese Schubladen „Identifikationen“ darstellen und das sind für mich im Wesentlichen Trauma-Überlebensstrategien.

EG: Und inwiefern identifizieren Sie sich mit den aufgeführten Aussagen einzelner Parteimitglieder?

Jedes Parteimitglied ist selbst dafür zuständig, die eigenen Aussagen zu rechtfertigen und zu begründen. Ich identifiziere mich hier mit niemanden, sondern denke eigenständig.

Und soweit ich weiß, wird von „Rechten“ die Nazi-Diktatur nicht als warnendes Beispiel für die Jetzt-Zeit thematisiert. Für diese waren bzw. sind die Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten die Volksfeinde, vor denen sie mein(t)en, „das Volk“ schützen zu müssen. Alleine der Begriff „Volksverhetzung“ hat für mich etwas Faschistisches.

EG: Was die zitierten Politiker von sich geben – die Identifikation mit Juden während des Holocaust – ist oberflächlich das Einnehmen einer Opferrolle. Die Konsequenzen sind hingegen tiefgreifend. Auf der Website der Bewegung zur Bekämpfung von Antisemitismus heißt es hierzu:

In den letzten zwei Jahren ist die Verharmlosung des Holocaust bei vielen Politikern, Basisbewegungen, in den Medien und im Internet immer mehr zum Mainstream geworden und stellt eine Verzerrung der Geschichte und einen direkten Affront gegen die Erinnerung an die Opfer und die Würde der Überlebenden dar. (…)
Die Verharmlosung der Verbrechen Nazi-Deutschlands gegen die Menschlichkeit nährt Holocaust-Leugner, die versuchen, die Verbrechen der Nazis herunterzuspielen, und wenn man zulässt, dass dies unkontrolliert gedeiht, hat man sichere Räume für antisemitische Verschwörungen, offene Holocaust-Leugnung und andere extremistische Ideologien geschaffen, die sich ausbreiten.
Combat Antisemitism, 19.01.2022, Übersetzung des Humanistischen Pressedienstes (hpd), 27.01.2022

Ich halte das Argument „Anti-Semitismus“ für eines dieser Totschlag-Argumente, um unliebsame Meinungen aus dem gesellschaftlichen Diskurs auszugrenzen. Wenn ich sehe, wie der Staat Israel gerade in der Coronazeit mit seiner eigenen Bevölkerung umgeht, kann ich dem nichts Positives abgewinnen.

EG: Denken Sie nicht, dass Sie sich zumindest mit den Aussagen auseinandersetzen sollen? Eine Rechtfertigung ist nicht nötig, sie könnten auch einfach klar Stellung beziehen. Immerhin finden diese Aussagen eine große Zuhörerschaft. Wenn Sie nichts sagen, gehe ich davon aus, dass Sie ihren Mitstreitern entweder zustimmen oder Ihnen egal ist, was deren Worte innerhalb der Bevölkerung auslösen.

Ich spreche nicht über andere Menschen, sondern mit Ihnen. Jeder ist für das, was er sagt, selbst verantwortlich. Ich würde es auch sehr schätzen, wenn sie mir nichts unterstellen und nicht in mich hineininterpretieren, ob ich etwas zustimme oder ob mir etwas egal ist.

EG: Brecht schrieb einst: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“. Sie stellen sich klar gegen die Corona-Politik der Bundesregierung, nicht aber gegen Personen innerhalb der Basis, die mit ihren Aussagen klare Grenzen überschreiten. Sie haben Recht: ich unterstelle Ihnen eine Doppelmoral. Oder zumindest Widersprüchlichkeit.  

Ich würde mich freuen, wenn auch Sie das Unrecht wahrnehmen, das gerade geschieht und Widerstand dagegen leisten.

EG: Ich schätze, wenn Menschen Widerstand gegen Unrecht leisten – auch, wenn ich Ihrem Unrechtsempfinden nicht folgen kann. Könnten wir uns auf eine Sache einigen: „Was die zitierten Parteimitglieder von sich gegeben haben, ist problematisch“?

Ich habe gerade in der Pandemie-Situation gelernt: Was Menschen sagen und was ihnen von einer Presse in den Mund gelegt wird, die voll auf Pandemiekurs ist, sind oft ganz unterschiedliche Sachverhalte.

Ruppert beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Themen, die für viele auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Was uns aber immer wieder auffällt: Er ist misstrauisch. Gegenüber der Medizin, dem Bildungssystem, gegenüber konventionellen Therapieansätzen, der akutellen Politik, den Grünen, den Linken – und letztendlich auch gegenüber der Wissenschaft an sich.

Wir fragen uns: War das schon immer so? Oder gab es auch mal eine Zeit, in der er der konventionellen Wissenschaft getraut hat? 

In meiner Kindheit war ich sehr religiös und angepasst. Auch weil ich sehr viel körperliche und psychische Gewalt seitens meiner Eltern und Verwandten erlebt hatte. Ich wurde mit viel Druck zum Gehorsam erzogen.

Ich habe dann ab der 10. Klasse angefangen, Vieles kritisch zu hinterfragen.In meinem Psychologie-Studium war ich vielen der dort vertretenen Theorien bald kritisch gegenüber eingestellt, auch weil ich mich in den damals linken Studentenkreisen bewegt habe. Ich bin dann in die Grüne Partei eingetreten, weil ich dachte, dass das einer guten Sache dient.

Wenn ich mir die heutigen Grünen und auch teilweise diejenigen ansehe, die sich selbst die Linken nennen, dann dreht es mir schier den Magen um, welche Art von Politik die heute machen.

Das habe ich nie gesagt: Frust auf Wikipedia

EG: Laut Ihnen müsse auch bei einer Vergewaltigung eine „gewisse Akzeptanz zur Befruchtung“ vorhanden gewesen sein. Welche wissenschaftliche Begründung haben Sie für diese Aussage?

So etwas habe ich weder jemals gedacht noch gesagt noch in irgendeinem meiner Bücher hingeschrieben. Das erfüllt den Tatbestand der böswilligen Verleumdung.

Verleumdung ist natürlich ein harter Vorwurf. Wir machen uns auf die Suche nach dem Zitat.

Wir lesen das Zitat zum ersten Mal auf Wikipedia. Hier ist zunächst keine Quelle angegeben. Die Google-Suche führt uns zu einem Online-Artikel. Hier wird aus einem Vortrag Rupperts zitiert, der auf Youtube zu finden ist.

Wir sehen uns das Video in den nächsten Tagen mehrfach an. Die Worte „Vergewaltigung“ und „Befruchtungswille“ fallen jedoch nie in einem Satz. Unsere Vermutung: Hier wurde indirekt zitiert, aber fälschlicherweise Anführungszeichen gesetzt.

Aber kann Ruppert das nicht auch richtigstellen?

EG:  Sie sind sich bewusst, dass Sie ihren Eintrag jederzeit selbst korrigieren können? Ich finde, das kann man Personen des öffentlichen Lebens durchaus zutrauen.

Mein Wikipedia-Eintrag wurde ursprünglich von einem befreundeten Kollegen erstellt. Er hat mehrmals versucht, die mich seit Corona verleumdenden Passagen zu löschen. Sie wurden jedoch immer wieder erneuert. Kennen Sie das Wikipedia-Verfahren mit der Hierarchie von denen, die als Super-Administratoren berechtigt sind, auch völlig anonym diskreditierende Inhalte einzustellen, ohne dass man dagegen etwas unternehmen kann?

Ich hatte meinen Freund im Übrigen gebeten, meinen Wikipedia-Eintrag ganz aus dem Netz zu nehmen. Aber er sagt, das ginge nicht, weil ich eine Person des öffentlichen Interesses sei. Ich selbst brauche keinen solchen Eintrag. Wer wissen will, wer ich bin und was ich mache, kann auf meine Internetseite gehen und sich dort einen Eindruck von mir verschaffen.

In einer späteren Mail fügt er hinzu:

Der gesamte Wikipedia-Artikel ist voller falscher Behauptungen. Es wird demnächst von Seiten des Autors, der meinen Eintrag ursprünglich erstellt hat, einen korrigierte und gewaltfreie Version geben.

Ruppert bringt also einen weiteren Vorwurf ins Spiel: Die Wikipedia-Autor*innen handeln in seinem Fall nicht neutral. Auf der Seite stünden Falschinformationen, die man nicht ohne weiteres richtigstellen kann.

Wir sehen uns deshalb die Bearbeitungshistorie des Artikels an. Hier fällt auf: Immer wieder versuchen anonyme Benutzer*innen, Passagen zu löschen, die vor allem auf Rupperts Aussagen zum Corona-Geschehen eingehen. Erst vor zwei Wochen entfernt ein Benutzer folgende Passage:

Ruppert verbreitet seine Meinungen unter anderem auf den verschwörungsideologisch orientierten Websites KenFM und Rubikon, darunter auch Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie. Die Corona-Pandemie würde von der WHO und Bill Gates aufgebauscht, um finanziellen Interessen zu dienen. Sie sei „von langer Hand vorbereitet und ein Testfall für das Umsetzen weiterer Pandemien“. Die Quarantänevorschriften und -einschränkungen wertet er als „massive Einschränkungen [seiner] unveräußerlichen Grundrechte“ und vergleicht sie mit der Schutzhaft der Nationalsozialisten. Er schreibt von einem „globalisierten Impfwahn“ als „gemeinsamem Suizid auf Raten“. Impfung und Testungen wertet er als „gewaltsame körperliche Penetration“ bis hin zu einer „körperlichen Vergewaltigung“.
Wikipedia: Franz Ruppert. Version vom 22.04.22, 16:08

Der Verfasser gibt als Grund für die Löschung an: „Nicht sinnführend und wahrheitsgemäß“. Da die Passage jedoch hinreichend mit Belegen bestückt ist, wird sie kurz darauf von einem Administrator wieder hinzugefügt. Dieses Muster sehen wir in Rupperts Eintrag von Herbst 2020 bis heute.

Aber zurück zu diesem einen Zitat: wir wissen aus unserer Recherche, dass es so nicht existiert. Und versuchen deshalb, es im Wikipedia-Eintrag zu korrigieren.

Die Passage

Die Existenz ungewollter Schwangerschaften leugnet er; auch bei einer Vergewaltigung könne man im Falle einer Schwangerschaft davon ausgehen, dass es vonseiten der Frau eine „gewisse Akzeptanz für die Befruchtung“ gegeben haben müsse.
Wikipedia: Franz Ruppert. Version vom 30.03.2022, 22:34

schreiben wir um in

Jedes Denken der Mutter während der Schwangerschaft führe zu einer Aktion im Körper – ein Kind könne sich beispielsweise nur dann in der Gebärmutter einnisten, wenn dies von der Mutter akzeptiert würde.
Wikipedia: Franz Ruppert. Version vom 31.03.2022, 21:37

Dies ist der Beginn einer recht langen Diskussion.

Als ich ein letztes Mal versuche, den Artikel zu berarbeiten, werde ich schließlich abgemahnt. Auch hier rede ich mir den Schnabel fusselig – leider ohne Erfolg.

Wer sich (wie wir zu Beginn) nicht mit den Wikipedia-Termini auskennt, ist wahrscheinlich etwas verwirrt. Deshalb eine Erklärung, in aller Kürze:

Ein EW ist ein Editwar (Bearbeitungskrieg). Hiervon spricht man, wenn „zwei oder mehrere Benutzer abwechselnd die Änderungen anderer Benutzer rückgängig machen („revertieren“) oder überwiegend überschreiben“.

Der Wortlaut stammt aus einer Sekundärquelle (heißt hier: jemand schreibt über Ruppert), unsere sinngemäße Umschreibung aus der Primärquelle (die Videoaufnahme von Ruppert, die in der Sekundärquelle zitiert wird). Wikipedia-Autor*innen sollten grundsätzlich nur mit rezipierten Sekundärquellen arbeiten. Wir verstoßen deshalb gegen die Belegrichtlinien (WP:Belege). Zudem verstoßen wir gegen WP:N (Neutralität); es wird davon ausgegangen, dass wir in unserer Bearbeitung nicht neutral sind.

Wir sind frustriert – nachdem wir uns mehrere Stunden lang durch Rupperts Veröffentlichungen gewühlt haben, um zu belegen, dass es das Zitat nicht gibt.

Aufgeben wollen wir trotzdem nicht. Wir starten also einen letzten Versuch, es Ruppert doch noch Recht zu machen und kontaktieren Anne Dittmann, die Autorin des Artikels, in dem das Zitat vorkommt. Und bekommen einen ausführliche Antwort.

Dittmann erklärt: Ruppert sage zwar nicht direkt und in einem Satz, dass bei Vergewaltigungen eine Akzeptanz für die Befruchtung existieren muss. Man müsse den Vortrag jedoch als Ganzes betrachten:.

Ruppert erkläre ab Minute 13, wie aus seiner Sicht eine Befruchtung stattfinden kann – als Beispiel nenne er unter anderem Vergewaltigung.

Ruppert, Franz: Frühes Trauma. 07/03/2017.

Ab Minute 30:50 ginge es dann um die Einnistung des Kindes in die Gebärmutter. Diese könne nur stattfinden, wenn von der Mutter akzeptiert. Denn nach Rupperts Logik führe jedes Denken der Mutter zu einer Aktion im Körper, die sich schließlich auch auf den Fötus auswirkt.

Ruppert, Franz: Frühes Trauma. 07/03/2017.

Aus diesen Informationen habe Dittmann schließlich einen zusammenhängenden Satz formuliert. Sie führt jedoch auch an, dass dies ihre Interpretation sei und es am Ende jeder selbst bewerten müsse.

Dennoch: Das in Klammern gesetzte Zitat kommt trotzdem so nicht im Video vor. Wir fragen also: Könnte man diese Stelle nicht einfach ausbessern? An sich ja; sie sei selbst nicht in der Redaktion, kontaktiert jedoch für uns die zuständige Redakteurin.

Liebe [Redakteurin],

einige Studierende der Katholischen Stiftungshochschule München (KSH) haben sich die Mühe gemacht, sämtliche Informationen und Vorwürfe gegen ihren Dozenten Franz Ruppert zu sammeln und zu überprüfen. Dabei ist viel Belastendes zusammengekommen – darunter auch mein Artikel über rechte Strömungen in Mütter-Bubbles auf Instagram.

Allerdings ist hier auch eine Ungenauigkeit aufgefallen beim Zitieren (die Studierenden sind extrem genau, was ja auch gut ist).

Ich schreibe im Artikel: Sogar bei Vergewaltigungen müsse es vonseiten der Frau „eine gewisse Akzeptanz für die Befruchtung“ gegeben haben.

Er nutzt aber nicht den Begriff Befruchtung, sondern sagt: „eine gewisse Akzeptanz der Mutter geben, dieses Kind sich einnisten zu lassen“.

Mein Vorschlag für eine Korrektur:

Er behauptet, dass es nach einer Befruchtung eine „gewisse Akzeptanz der Mutter“ gebe, „dieses Kind sich einnisten zu lassen“. Bei den Befruchtungsmöglichkeiten nennt er unter anderem Vergewaltigung.

Könntest du das ändern?
Ich danke dir sehr!

Hier warten wir noch auf eine Antwort.

[Update vom 25.05.2022: Die betreffende Stelle wurde im Artikel mittlerweile ausgebessert.]

Dittmann, Anne: Rechte Ideologie auf Instagram. Sie treffen Mütter dort, wo es wehtut. Welt Online. Veröffentlicht am 17.09.2020, Aufgerufen am 25.05.2022

Ihr fragt euch vielleicht, wieso wir so lange auf diesem einen Zitat rumreiten, wo es doch für viele nur die Spitze des Eisbergs ist.

Rupperts Auffassung von Cancel Culture teilen wir nicht. Wo er jedoch Recht hat: Plattformen wie Wikipedia sind nicht unparteiisch, haben aber einen enormen Einfluss auf unsere Meinungsbildung. Auch und gerade bei solch kontroversen Themen ist ist sauberes wissenschaftliches Arbeiten deshalb ein absolutes Muss.

Damit zurück zu Rupperts Aussage: Was er sagt, kann also unterschiedlich interpretiert werden. Wir konfrontieren ihn deshalb mit Dittmanns Interpretation, die auf uns schlüssig wirkt.

EG: Sie sprechen im Video von einer Einnistung, die von der Mutter akzeptiert werden muss, damit eine Schwangerschaft zustande kommen kann.

Meinen Sie mit dieser Akzeptanz einen biologischen oder psychologischen Vorgang? Ist dieser bewusst oder unbewusst? Man könnte ihre Aussage auch so verstehen: Wenn ich nicht schwanger werden will, dann werde ich auch nicht schwanger. Dann muss ich ja gar nicht verhüten. Oder: Wer durch eine Vergewaltigung schwanger geworden ist, wollte es selbst so.

Ich denke, eine Erläuterung wäre hilfreich.

Zunächst ist es wichtig, zwischen Geschlechtsakt Befruchtung und Einnistung zu unterscheiden. Die Befruchtung, also die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, findet oft erst Tage nach einem Geschlechtsakt statt. Ebenso geschieht die Einnistung meist nach 5-8 Tagen nach der Befruchtung.

In Bezug auf die Einnistung weiß ich nur, dass das Kind seine Mutter veranlassen muss, ein immunologisches Vakuum an einer Stelle in der Gebärmutter zu schaffen, damit das mütterliche Immunsystem das Kind nicht als Fremdeiweiß identifiziert und dann tötet.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies seitens der Mutter bewusst geschieht. Andererseits zeigt dies den enormen Lebenswillen eines Kindes, dem es egal ist, durch welchen Geschlechtsakt . Liebe oder Gewalt – es entstanden ist. Es will einfach nur sein Leben fortsetzen. Das merke ich in den Therapien auch daran, wie viele Menschen, mit denen ich arbeite, einen oder sogar mehrere Abtreibungsversuche ihrer Mütter überlebt haben. Unser Lebenswille ist enorm!

Das müssen wir also so stehen lassen.

Homosexualität als Trauma

EG: In einem Ihrer Kurse hatten Sie über „Mögliche Gründe für Homosexualität“ gesprochen (so der Titel der Folie). Ein „möglicher Grund“ sei für sie ein Nährstoffmangel oder auch ein psychisches Trauma während der Schwangerschaft. Auf Kritik der Studierenden hätten Sie wiefolgt reagiert: Wenn jemand zu Ihnen in die Therapie kommt und homosexuell ist, dürfte man ja schon nachfragen, warum.

Die Folie haben Sie im Folgejahr rausgenommen. Heißt das, Sie haben Ihre Ansichten diesbezüglich geändert?

Anfangs dachte ich tatsächlich, dass Menschen mit einer homosexuellen Orientierung sich für die Ursachen interessieren würden. Aber meine Praxis hat mich eines besseren belehrt. In der Tat kommt niemand zu mir, der die Ursachen seiner Homosexualität ergründen möchte. Daher habe ich meine Theoriebildung dazu nicht weiter vorangetrieben.

EG: In Ihrem Buch Trauma, Bindung und Familienstellen (2005) legen sie einige dieser Theorieansätze dar. Ich zitiere hier aus dem Kapitel Homosexualität als Tabu

Die Ursachen der Homosexualität sind vermutlich so vielfältig wie ihre Erscheinungsformen. Ich nenne hier nur das, was sich mir in Therapien gezeigt hat (…).

Seine Mutter sah in ihm die verstorbene [Groß]mutter. Der Patient wurde dadurch sowohl schwer depressiv als auch homosexuell. Er nahm in seinen Partnerbeziehungen mehr die Frauenrolle ein. (…)

Das Eingehen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften kann auch Folge eines Bindungstraumas sein, wenn z.B. eine Frau aufgrund von Missbrauchserfahrungen keine Nähe von einem Mann mehr ertragen kann und jemand mit einem ähnlichen Schicksal als Partnerin findet. In solchen Beziehungen wird dann oft versucht, ohne eine Aufteilung vom Geschlechtsrollen zu leben. (…)

Auch bei Jungen kann die Erfahrung von sexuellem Missbrauch das geschlechtliche Verhalten tief prägen. Sie übertragen z.B. ihre Vergewaltigungserfahrungen auf andere und üben daher auch Geschlechtsverkehr mit Männern aus, wenn Sie von ihrem Vater vergewaltigt wurden.

Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Cis-Gender, die traditionelle Rollenverteilung und Heterosexualität für Sie die Norm. Was davon abweicht, ist hingegen erst durch traumatische Erfahrungen wie etwa die Vergewaltigung durch einen Elternteil entstanden.  

Sie verstehen sicherlich, wieso diese Thesen bei vielen sauer aufstoßen. Wie soll ein junger Mensch aus diesem Ansatz heraus ein gesundes Verhältnis zu seiner Sexualität und geschlechtlichen Identität entwickeln? 

Jeder, der ein Problem mit seiner sexuellen Entwicklung hat, kann durch die Methode der Selbstbegegnung zu mehr innerer Klarheit kommen.

EG: Werden hier nicht eher grundlegende Zweifel gesät statt Klarheit geschaffen?

Nach meinen Erfahrungen sind die Menschen am Ende einer Selbstbegegnung wesentlich klarer als zuvor.

EG: Wir haben zum Thema Homosexualität eine Anfrage von einem Studenten erhalten. Er und sein Partner möchten später einmal ein Kind adoptieren. Er fragt sich jedoch, ob die beiden Ihrer Meinung nach hierzu überhaupt geeignet sind, da sie, so schreibt er, „die Mutter nicht ersetzen können“.

Vermutlich bezieht er sich auf eine Passage aus Ihrem aktuellen Buch:

Die meisten Kinder brauchen mindestens bis zu ihrem dritten Lebensjahr den intensiven Kontakt zu ihrer Mama, bis sie innerlich so stabil sind, dass sie längere Zeiten der Abwesenheit ihrer Mutter ohne psychischen Schaden verkraften können. (…) Wie sehr ein möglicherweise psychisch gesunder Vater sich liebevoll um sein Kind kümmern kann, er kann ihm die fehlende Mutterliebe nicht ersetzen.

Jedes Kind, das früh von seiner Mutter getrennt wird, eventuell auch noch einen schweren Geburtsprozess durchgestanden hat, ist massiv frühtraumatisiert. Ich würde gerne mehr über die Erfahrungen von Männern wissen, die ein solches Kind großziehen. Ebenso würde ich gerne mit Kindern therapeutisch arbeiten, die unter diesen Umständen aufgewachsen sind.

Vielleicht kommt das ja in Zukunft noch und dann kann ich empirisch begründet mehr dazu sagen.

Finden Sie es richtig, ohne empirische Grundlage gleichgeschlechtlichen Familienkonstellationen zu unterstellen, nicht zur Erziehung psychischer gesunder Kinder fähig zu sein? Dass jedes Kind, welches „unter solchen Umständen“ aufwächst, einer Therapie bedarf? 

Empirische Studien über die Entwicklung von Kinder in diesen Familien gibt es im schon – sie widerlegen Ihre These.  

Solange ich nicht eigene Fallbeispiele in meinen Therapien miterlebe, halte ich mich mit optimistischen wie pessimistischen Prognosen zurück. Mein Ansatz geht psychologisch sehr in die Tiefe.

Herr Ruppert, sind Sie ein Frauenhasser?

Ruppert beschäftigt sich in seiner Forschung intensiv mit Erziehungs- und Bindungsprozessen. In diesem Kontext werfen ihm viele, darunter viele Expert*innen, eine frauenfeindliche Haltung vor. Die Hamburger Kleinkindpädagogin Susanne Mierau bewertet Rupperts Aussagen als zumindest „teilweise misogyn“; sie entsprächen nicht dem aktuellen Forschungsstand. Dass Ruppert mit der Frauenrechtlerin Juliane von Krause verheiratet ist, passt für viele nicht ins Bild.

Mit dem Vorwurf konfrontiert entgegnet Ruppert, er sei weder ein Frauen- noch ein Männerhasser, sondern ein Menschenfreund. Und:

Nachdem ich neulich gehört habe, dass Justin Trudeau den protestierenden kanadischen Truckern auch diesen Vorwurf der „Misogynie“ gemacht hat, nehme ich an, dass dies heutzutage zum Standardrepertoire der Vorwürfe gehört, die man Menschen macht, die nicht bedingungslos das Corona-Narrativ mittragen. Also eine von mehreren Munitionen aus der Dreckschleuder – um es einmal bildlich zu sagen.

Zum besseren Verständnis: Ruppert bezieht sich hier auf ein Zitat des kanadischen Premiers Trudeau, welches im Kontext von Protesten gegen die Impflicht fiel. Das Zitat lautet (übersetzt aus dem Französischen):

Jeder von uns hat Menschen in seinem Umfeld, die gerade noch abwägen, ob sie sich impfen lassen sollen oder nicht. Es gibt jedoch einen Anteil, der sich heftig dagegen wehrt. Dieser Teil glaubt nicht an Wissenschaft und Fortschritt und ist oft misogyn und rassistisch. Es handelt sich hierbei um einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung; dieser ist dennoch sehr präsent.
Justin Trudeau in einer Pressekonferenz am 08.09.2021

EG: Viele Fragen, die uns zum Thema Misogynie erreichen, beziehen sich auf ihr aktuelles Buch. Ein Abschnitt wird hier besonders oft zitiert.

Im Kapitel Feminismus schreiben Sie:

Frauen [können] gar nichts Besseres für eine Gesellschaft tun, als in der Phase der Mutterschaft ihre Zeit und Kraft darauf zu verwenden, als Mutter psychisch gesunde Kinder heranwachsen zu lassen. Was ist dagegen ein Beruf oder Job, den man nur des Geldes willen macht? In dem auch eine Frau gezwungen ist, fremden Interessen zu dienen, auf die sie keinerlei Einfluss hat? (…)

Niemand darf zum Muttersein gezwungen oder überredet werden. Frauen, die ihre Lebens- und Liebesenergien bevorzugt in etwas anderes fließen lassen wollen, sollen das auch tun können. (…) Dann sind alle Frauen frei und nicht beständig innerlich zerrissen: Wenn sie mit dem Kind zuhause sind, denken Sie an ihre berufliche Arbeit. Wenn sie in der Arbeit sind, denken sie mit schlechtem Gewissen an ihr Kind.

Keine Frau sollte gezwungen werden oder sich selbst dazu zwingen, Mutter zu werden. Wer sich allerdings dazu entschließt, Mutter zu werden, trägt eine hohe Verantwortung für die gesunde Entwicklung seines Kindes. Hier habe ich hohen Respekt vor dieser herausfordernden Aufgabe.

Im Kern sagen Sie jedoch: Man dürfe Frauen nicht zwingen oder überreden, Kinder zu haben. Wenn sie aber ungeplant schwanger werden und nur über eine Abtreibung nachdenken, schadet dies dem Kind erheblich. Und als Mütter könnte man sie auch nicht ersetzen, ohne dass das Kind hiervon einen psychischen Schaden trägt.

Die logische Schlussfolgerung aus all dem wäre: Damit eine Gesellschaft langfristig psychisch gesunde Erwachsene hervorbringen kann, müssen Frauen die Kinder versorgen und die Männer arbeiten gehen.  

Ich komme nicht umhin zu bemerken, dass Ihre Theorie manchmal über viele Umwege zurück in die Vergangenheit führt.

Oder verstehe ich hier etwas falsch? 

Ja, leider verstehen Sie mich hier grundfalsch. Das ist schade.

Da bin ich wohl nicht der erste. Es sind eben genau diese Aussagen und die Schlussfolgerungen daraus, aufgrund deren Ihnen  Expertinnen und Experten eine misogyne Haltung vorwerfen. Wie lassen sich die zitierten Aussagen mit einem emanzipatorischen Ansatz vereinbaren?

Wie wäre es damit, dass die Frauen, die Mütter werden wollen, von der Gesellschaft genügend Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, um auch die Zeit und die Mittel zu haben, wirklich für ihr Kind da zu sein? Dass junge Frauen frühzeitig lernen, welche enorme Bedeutung sie für die psychische Entwicklung ihrer Kinder haben? Dass sie sich dadurch ihrer Verantwortung als Mutter bewusstwerden und erkennen, dass sie ihrer eigenen Psychotraumata unweigerlich an ihre Kinder weitergeben werden, wenn sie sich darum nicht kümmern? 

Ich halte diese mittlerweile weit verbreitete Abwertung des Mutterseins – nach dem Motto: Das können doch Männer genauso gut! – für „misogyn“ = frauenverachtend. Das wirkt so, als könne man Muttersein auch mal so nebenher machen neben vielem anderem auch und als brauche es dazu noch nicht einmal einen weiblichen Körper. Ist es tatsächlich „emanzipatorisch“, sich als Frau vom Muttersein loszusagen? 

Wie wäre es damit, 100 Milliarden Euro, statt für todbringende Waffensysteme für lebensfördernde Bedingungen im Mutter-Kind-Verhältnis zur Verfügung zu stellen? Und für entsprechende Traumatherapien? Kinder, die eine liebevolle Mutter erleben, wollen später auch keine Kriege anzetteln. Besser kann eine Gesellschaft ihre Ressourcen gar nicht einsetzen als für die Ermöglichung gesunder Mutter-Kind-Beziehungen. 

Natürlich erhalten Mütter nicht die Wertschätzung und Ressourcen, die ihnen zustehen. Das ist kein neues Problem, sondern die Nachwirkung eines Gesellschaftssystems, das für Frauen über Jahrtausende eine Abhängigkeit vom Mann vorgesehen hat. Ihre finanzielle, rechtliche, politische und auch körperliche Selbstbestimmung ist noch lange nicht vollständig gegeben und macht auch immer wieder Rückschritte – das sehen wir momentan in den USA.  

Ist es also nicht die Definition von Emanzipation, wenn sich Frauen bewusst lossagen von Erwartungen, die an sie, ihren Körper und ihre Rolle als Mutter gestellt werden? Und kann man Muttersein nicht schätzen und fördern, ohne dabei die Väter aus der Verantwortung zu ziehen und alternative Familienkonstellationen per se abzuwerten?  

Muttersein ist etwas anderes als die Mutter-Rolle einzunehmen. Mutter für ein Kind kann man nur körperlich sein und nicht bloß in der Vorstellung. Es ist das Kind, das von der Mutter erwartet, von ihr gesehen zu werden, liebevollen Körperkontakt zu bekommen und von ihr auch vor Gewalt geschützt zu werden. Wollen Sie Kindern diese völlig natürlichen Erwartungen abtrainieren?

Väter können einem Kind die Mutter nicht ersetzen – auch Großmütter, Nannys und Erzieherinnen nicht. Väter können ihrem Kind zusätzlich etwas geben, was die Mutter ihm nicht geben kann, z.B. anders mit ihm spielen und ihm andere Dimensionen der Wirklichkeit zugänglich machen.

„Familie“ per se ist auch nichts erstrebenswertes, weil es darauf ankommt, wie in einer Familie miteinander umgegangen wird. Wenn sich traumatisierte Menschen zu „alternativen Konstellationen“ zusammenschließen, heißt das nicht, dass sie sich gegenseitig nur gut tun.

Ich sehe das alles eher im Einzelfall und konkret-realistisch und nicht mit einer ideologisch gefärbten Brille an. Wenn Sie möchten, können sie sich gerne einmal ihre abstrakten Vorstellungen mit meiner Anliegenmethode genauer ansehen.

Vielen Dank, aber da verlasse ich mich lieber auf die Wissenschaft.

Ich fürchte, Sie haben hier eine idealistische Vorstellung von „der“ Wissenschaft. Auch Wissenschaftler sind Menschen mit eigenen Interessen und möglicherweise falschen Grundannahmen. Ich behaupte sogar folgendes: Ein Wissenschaftler, der sich selbst nicht versteht, versteht auch die Welt nicht.

Sie sehen hier einen Widerspruch. Ich denke aber, man kann wissenschaftliche Institutionen durchaus offen kritisieren und Ideen vor dem Hintergrund eigener Grundannahmen kritisch hinterfragen, ohne „der“ Wissenschaft grundsätzlich zu misstrauen.

Fazit

Ich bedanke mich ganz herzlich für die konstruktive Zusammenarbeit mit Ihnen. Das ist für mich ein gutes Vorbild, wie die Diskussion auch an der KSH im guten wissenschaftlichen Sinne geführt werden könnte.

EG: Ich danke auch Ihnen.

Was nehmen Sie aus dem Ganzen mit? 

Sagen Sie mir vielleicht zuerst, was Sie mitnehmen.

EG: Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass sie überhaupt auf meine Mails antworten würden. Dass Sie trotz Ihres vollen Terminkalenders immer innerhalb eines Tages zurückgeschrieben haben, hat mich positiv überrascht. Insgesamt hatte ich mir die Unterhaltung deutlich unangenehmer vorgestellt.

Nun sind wir drei Monate und rund 70 Mails weiter. Ich will ehrlich sein: Ich bin von Ihren Ansichten teilweise irritiert und teilweise ernsthaft schockiert – was auch mein gutes Recht ist. Aber Ziel war ja nie, Sie von Ihren Theorien abzubringen, sondern diese kritisch zu hinterfragen. Und den Leser*innen so die Möglichkeit zu bieten, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Ich denke, das haben wir beide ganz gut hinbekommen.

Ja, so sehe ich das auch.

Meine Theorie wird in der Regel erst dann so richtig zugänglich, wenn sich jemand auf meine Praxis der Selbstbegegnungen einlässt und so spürt, was ich mit meinen theoretischen Aussagen meine. Die meisten Menschen haben sich schon sehr früh von sich selbst abgespalten. Dann versuchen sie ihre Probleme kognitiv zu lösen, die aber nur emotional auflösbar sind. Ich kenne das sehr gut von mir selbst.

Danksagung

Wir möchten uns bei allen bedanken, die an diesem Beitrag mitgewirkt haben. Ohne eure Anregungen, eure Unterstützung bei der Recherche, die vielen lieben Worte und den ein oder anderen Arschtritt am Schluss wäre dieses Interview nicht zustandegekommen.

Ihr möchtet nicht namentlich genannt werden. Aber ihr wisst ja zum Glück, wie ihr heißt – und nun hoffentlich auch, wie wichtig ihr seid.

3 Antworten zu “Wer ist Franz Ruppert?”

  1. Erstmal respekt für die Arbeit die ihr euch gemacht habt, ist wirklich top recherchiert!
    Ich muss zugeben, dass der Rupert im Interview Verständlich seine Punkte erklärt hat und finde er hat teilweise recht Interesannte ansätze wie unsere Psyche mit unserem Körper hamoniert. Sein misstrauen dem Staat gegenüber kann ich mir auch erklären, weil die Pharma industrie leider wirklich viel dreck am Stecken hat. Wahrsdcheinlich ist er auf dem weg in den Kaninchen Bau an ein paar stellen falsch abgebogen weshalb er jetzt steht wo steht. Aber die Tatsache das er sich für ein Interview mit euch bereit erklärt hat find ich stark.
    LG Herr Otterich

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  2. Sehr interessant, sehr erhellend, wie intelligente junge Menschen zu ihrer Einstellung kommen. Menschen wie Herr Ruppert geben Hoffnung, dass es mutige Menschen gibt, die trotz viel Gegenwind nicht aufhören, ihre Überzeugungen zu erklären.

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